Barrierefreiheit am Black Friday: Testen Sie Ihre Aktion vor dem Ansturm
Zum Black Friday kommen Countdowns, Pop-ups, wechselnde Banner und Streichpreise zu Ihrem normalen Shop dazu. Diese Elemente werden oft schnell über Marketing-Tools eingebaut, nach der letzten Prüfung auf Barrierefreiheit. Und genau sie können Kunden am Kauf hindern. Testen Sie Ihre Aktion vor dem 27. November mit einem Screenreader und beheben Sie zuerst die größten Hürden.
Falls Sie die Grundlagen Ihres Checkouts noch nicht geprüft haben, beginnen Sie mit unserem 10-Minuten-Check für den Checkout. Dort geht es um Formularbeschriftungen, Buttons und Fehlermeldungen. Dieser Leitfaden ist der nächste Schritt: die Aktionselemente, die am häufigsten Probleme machen, ein 20-minütiger Screenreader-Test und was Sie vor dem Ansturm noch beheben können.
Das Wichtigste in Kürze:
- Countdowns, Pop-ups und wechselnde Banner gehen oft erst nach der letzten Prüfung online.
- Prüfen Sie zuerst die Grundlagen im Checkout. Testen Sie danach den Weg durch die Aktion mit einem Screenreader am Computer und am Smartphone.
- Am häufigsten scheitern Warenkorb-Timer, Pop-ups, Banner, Lagerhinweise, Streichpreise und CAPTCHAs.
- Einstellungen und Inhalte lassen sich vor dem Ansturm anpassen. Änderungen am Code planen Sie für danach ein.
- Seit dem 28. Juni 2025 gilt das BFSG auch für Onlineshops.
Warum braucht eine Black-Friday-Aktion einen eigenen Test?
Vielleicht hat Ihr Shop vor ein paar Monaten eine Prüfung bestanden. Mit der Aktion ändert sich das. Countdowns, Pop-ups, Banner und Badges kommen meist aus Themes, Apps oder Marketing-Skripten und gehen oft erst nach dem letzten Test live.
Dazu kommt: Onlineshops haben schon im Normalbetrieb mehr erkennbare Fehler als die meisten Websites. Laut WebAIM Million 2026 hatten Startseiten aus der Kategorie Shopping im Schnitt 71,0 automatisch erkannte Fehler, 26,6 % mehr als der Durchschnitt aller Startseiten.
Ein Scanner findet nur einen Teil davon. Er merkt nicht, dass ein Countdown den Warenkorb leert, wenn jemand mehr Zeit braucht. Oder dass der Screenreader stumm bleibt, wenn „Gutschein eingelöst“ erscheint. Auch das W3C weist darauf hin, dass kein Tool allein feststellen kann, ob eine Website barrierefrei ist. Ein Mensch muss die Aufgabe selbst ausprobieren.
Welchen Weg sollten Sie testen?
Gehen Sie den Weg, den Kunden von Ihrer Aktion bis zur Bestellbestätigung nehmen:
- Aktionsseite oder Banner. Lässt sich das Banner anhalten, und nennt der Alternativtext des Bildes das Angebot?
- Pop-ups. Das Newsletter- oder Rabatt-Pop-up, das beim Besuch aufgeht.
- Produktseite mit Streichpreis. Ist klar, welcher Preis gilt?
- Warenkorb. Countdown, Lagerhinweis und Gutscheincode.
- Anmeldung oder Gastbestellung. Mit CAPTCHA oder Einmalcode, falls vorhanden.
- Zahlung und Bestätigung. Das Bestätigungsfenster der Bank, die Bestellseite und die E-Mail.
Wenn Sie beides anbieten, testen Sie als Gast und als angemeldeter Kunde. Nutzen Sie eine Staging-Umgebung oder eine Testzahlart, damit keine echten Bestellungen entstehen.
So machen Sie einen 20-minütigen Screenreader-Test
Machen Sie zuerst den Tastatur-Check aus unserem Artikel zum 10-Minuten-Check. Gehen Sie den Weg durch die Aktion danach noch dreimal durch:
- Screenreader am Computer (etwa 10 Minuten). Nutzen Sie NVDA, kostenlos für Windows, oder VoiceOver, das auf jedem Mac schon dabei ist (Cmd+F5). Achten Sie darauf, ob das Angebot im Banner vorgelesen wird, ob bei Streichpreisen klar ist, welcher Preis gilt, ob Lager-, Countdown- und Gutscheinhinweise angesagt werden und ob Pop-ups beim Öffnen den Fokus übernehmen und ihn beim Schließen zurückgeben.
- Screenreader am Smartphone (etwa 5 Minuten). Aktivieren Sie VoiceOver auf dem iPhone oder TalkBack auf Android und wischen Sie durch Aktionsseite, Produktseite und Warenkorb.
- Zoom (etwa 5 Minuten). Vergrößern Sie die Ansicht im Browser auf 200 %, dann auf 400 %. Banner, Countdowns und Pop-ups dürfen keine Inhalte oder Buttons verdecken.
Notieren Sie jedes Mal, wenn Sie nicht weiterkommen: die Seite, was Sie getan haben, was passiert ist und was hätte passieren sollen. Das ist Ihre Liste der Korrekturen.
Wenn Sie noch nie mit einem Screenreader gearbeitet haben, sind Sie langsamer als Menschen, die ihn täglich nutzen. Das ist in Ordnung. Der Test soll die Hürden finden, nicht jedes Detail. Die wichtigsten Befehle erklärt unser Tutorial zum Testen mit Screenreadern.
Welche Black-Friday-Elemente machen am häufigsten Probleme?
Prüfen Sie diese Aktionselemente zuerst, jeweils mit dem passenden Erfolgskriterium der WCAG 2.2. Grundlegende Probleme im Checkout, etwa fehlende Beschriftungen und unklare Fehlermeldungen, behandelt unser 10-Minuten-Check.
- Countdowns und reservierte Warenkörbe. Der Warenkorb läuft ab, bevor jemand fertig ist, ohne Warnung und ohne Möglichkeit, die Zeit zu verlängern. 2.2.1 Zeiteinteilung anpassbar, Stufe A.
- Wechselnde Banner und Karussells. Die Slides wechseln länger als 5 Sekunden, und es gibt keinen Pause-Button. 2.2.2 Pausieren, beenden, ausblenden, Stufe A.
- Rabatt- und Newsletter-Pop-ups. Der Fokus bleibt auf der Seite dahinter, oder das Pop-up lässt sich nicht per Tastatur schließen. 2.1.2 Keine Tastaturfalle und 2.4.3 Fokus-Reihenfolge, Stufe A.
- Hinweise wie „Nur noch 2 auf Lager“ oder „Gutschein eingelöst“. Sie erscheinen auf dem Bildschirm, aber der Screenreader sagt nichts. 4.1.3 Statusmeldungen, Stufe AA.
- Streichpreise. Der alte Preis ist nur optisch durchgestrichen. Der Screenreader liest zwei Preise vor, ohne zu sagen, welcher gilt. 1.3.1 Info und Beziehungen, Stufe A.
- Aktionsbilder mit dem Angebot im Bild. Der Alternativtext fehlt oder lautet nur „Banner“. Für Screenreader-Nutzer ist der Rabatt damit unsichtbar. 1.1.1 Nicht-Text-Inhalte, Stufe A.
- Sale-Badges und Aktionstexte. Heller Text auf knalligen Farben ist schwer zu lesen. Zu geringer Kontrast war in der WebAIM Million 2026 der häufigste Fehler und betraf 83,9 % der Startseiten. 1.4.3 Kontrast (Minimum), Stufe AA.
- Anmeldung, CAPTCHA und Einmalcodes. Ein Rätsel oder Gedächtnistest ohne Alternative, oder ein Codefeld, in das man nichts einfügen kann. 3.3.8 Barrierefreie Authentifizierung (Minimum), Stufe AA, neu in WCAG 2.2.
- Adressformulare. Kunden müssen dieselbe Adresse zweimal eingeben. 3.3.7 Redundante Eingabe, Stufe A, neu in WCAG 2.2.
Was können Sie vor dem Ansturm noch beheben, und was kann warten?
Viele Shops frieren ihren Code einige Wochen vor dem Black Friday ein. Teilen Sie Ihre Liste deshalb in zwei Gruppen.
Vor dem Ansturm beheben. Meist geht es um Einstellungen, Inhalte oder kleine Änderungen im Frontend:
- Stoppen Sie das automatische Wechseln der Banner oder fügen Sie einen sichtbaren Pause-Button hinzu.
- Sorgen Sie dafür, dass sich Pop-ups mit der Escape-Taste schließen lassen und der Fokus an die vorherige Stelle zurückkehrt. Oder blenden Sie sie auf Warenkorb- und Checkout-Seiten ganz aus.
- Schalten Sie Warenkorb-Timer ab, verlängern Sie sie, oder warnen Sie vor Ablauf und bieten Sie mehr Zeit an.
- Schreiben Sie Alternativtexte für Aktionsbilder. Steht das Angebot im Bild, muss es auch im Alternativtext stehen.
- Ergänzen Sie versteckten Text wie „Ursprünglicher Preis“ und „Aktionspreis“, damit Screenreader die beiden Preise unterscheiden können.
- Verbessern Sie den Kontrast von Sale-Badges und Aktionstexten.
Nach dem Ansturm einplanen. Diese Punkte brauchen Entwicklung und Tests:
- Änderungen im Warenkorb, beim Lagerbestand, beim Countdown und beim Gutschein für Screenreader ansagen.
- Den Fokus im Warenkorb, in Dialogen und im Zahlungsfenster richtig steuern.
- Eine Anmeldung ohne Rätsel oder Gedächtnistest anbieten und das Einfügen von Einmalcodes erlauben.
- Kommt die Zahlungsseite von einem Zahlungsanbieter, schicken Sie ihm Ihre Ergebnisse und fragen Sie nach seinen Angaben zur Barrierefreiheit.
Testen Sie nach jeder Korrektur den ganzen Weg erneut. Eine Änderung an einem Schritt kann den nächsten kaputt machen.
Was verlangt das Gesetz von Onlineshops?
Seit dem 28. Juni 2025 gilt der European Accessibility Act auch für Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr. In Deutschland setzt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) die Richtlinie um. Für Dienstleistungen gibt es keine Übergangsfrist. Ausgenommen sind Kleinstunternehmen, die Dienstleistungen anbieten, also Unternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten und höchstens 2 Millionen Euro Jahresumsatz oder Jahresbilanzsumme.
Als technischer Maßstab dient in der Praxis die WCAG auf Stufe AA, über die europäische Norm EN 301 549. Was das BFSG für Onlineshops genau bedeutet, lesen Sie in unserem BFSG-Check für Onlineshops und im Leitfaden zum European Accessibility Act. Dieser Artikel beschreibt die Pflichten allgemein und ist keine Rechtsberatung.
Wann lohnt sich ein Test durch Experten?
Ein Selbsttest findet die offensichtlichen Hürden. Er deckt aber nicht jede Kombination aus Screenreader, Browser und Gerät ab, nicht jeden Bereich hinter dem Login und auch nicht, wie Menschen, die täglich assistive Technologien nutzen, wirklich einkaufen.
Bei unseren End-to-End-Tests von Nutzerabläufen testen unsere Experten vollständige Aufgaben wie Suchen, ein Produkt auswählen, Bezahlen oder ein Konto wiederherstellen. Sie arbeiten mit Tastatur, JAWS, NVDA, VoiceOver, TalkBack und Braillezeilen. Sie erhalten eine Übersicht der Abläufe, die Schritte, an denen Kunden scheitern, die Auswirkungen jeder Hürde und eine priorisierte Liste der Korrekturen, in einem Prüfbericht, mit dem Ihr Team arbeiten kann. Ein Nachtest nach den Korrekturen ist inbegriffen, und wir helfen Ihren Entwicklern bei den Prioritäten.
Für Onlineshops geht unser Audit für Checkout und Conversion im E-Commerce noch tiefer: Produktsuche, Variantenauswahl, Warenkorb, Aktionen, Checkout, Fehler bei der Zahlung und Bestellbestätigung.
Sie möchten einen ersten schnellen Überblick? Starten Sie einen kostenlosen Scan Ihrer Produktseite, um die Fehler zu finden, die eine Software erkennt. Und sprechen Sie mit einem Experten über den Test Ihrer Kaufabläufe.
Häufige Fragen
Gilt das BFSG für meinen Onlineshop?
Wenn Sie online an Verbraucher in der EU verkaufen, sehr wahrscheinlich ja. Dienstleistungen im elektronischen Geschäftsverkehr fallen seit dem 28. Juni 2025 darunter. Kleinstunternehmen, die Dienstleistungen anbieten, sind ausgenommen. Prüfen Sie im Zweifel Ihre Situation mit einem Anwalt.
Was ist der Unterschied zum schnellen Checkout-Check?
Unser 10-Minuten-Check deckt die Grundlagen ab, die jeder Checkout braucht: Beschriftungen, Buttons und Fehlermeldungen, getestet mit der Tastatur. Dieser Test ergänzt die Elemente, die mit Ihrer Aktion dazukommen, und prüft sie mit einem Screenreader und am Smartphone. Machen Sie beides.
Muss ich auch auf dem Smartphone testen?
Ja. Viele Menschen kaufen auf dem Smartphone ein, und Screenreader funktionieren dort anders. Testen Sie Produktseite und Checkout mit VoiceOver auf dem iPhone und TalkBack auf Android.
Was ist, wenn die Zahlungsseite von einem Zahlungsanbieter kommt?
Sie gehört trotzdem zum Kaufablauf Ihrer Kunden. Testen Sie sie wie jeden anderen Schritt, melden Sie gefundene Probleme an den Anbieter und fragen Sie nach seinen Angaben zur Barrierefreiheit.
Wie oft sollte ich meinen Checkout testen?
Nach jedem Release, das Warenkorb, Checkout oder Zahlung verändert, und vor jeder großen Aktion. Regelmäßige automatische Scans dazwischen helfen, neue Probleme früh zu erkennen.
Quellen
